Das Zusammenleben mit Herdenschutzhunden wird wesentlich erleichtert und der Schutztrieb in für unsere dichtbesiedelte Gesellschaft angemessene Bahnen gelenkt, wenn man sie vom Welpenalter an durch verschiedenartige Erfahrungen mit allem und jedem sozialisiert. Dies soll jedoch nicht bedeuten, dass ein bereits erwachsener Herdenschutzhund problematisch und nicht zu handhaben ist: gerade ältere Tiere, die eine Zeit lang ohne Besitzer im Tierheim leben mussten, passen sich gewöhnlich einer neuen Lebenssituation sehr gut und schnell an. Der neue Besitzer sollte das neue Familienmitglied mit möglichst vielfältigen Eindrücken konfrontieren und diese zur Routine werden lassen. Wird von Anbeginn z.B. häufiger Besuch und belebte Nachbargärten mit Zwei- und Vierbeinern als zum Alltag gehörig angesehen, hat das neue - als Herdenschutzhund ausgeprägt territorial orientierte - Familienmitglied später weniger Grund, bei solchen Vorkommnissen misstrauisch zu werden. Es ist eminent wichtig, dass der neue Hausgenosse möglichst frühzeitig und kontinuierlich an all den sozialen Kontakten seines neuen Rudels teilnehmen kann.


Foto © by Hieke Dijkstra, Holland

Nicht artgerechte Haltungsformen wie das Ausschließen aus seinem Rudel durch Zwinger- oder Kettenhaltung wirken sich katastrophal auf das Wesen des freiheitsliebenden Herdenschutzhundes aus; schwere Einbußen bezüglich des Vertrauens und der Bindung zu seiner Familie sind die Folge.

Als ursprünglicher Arbeitshund braucht der Herdenschutzhund ausreichende und sinnvolle Beschäftigung. Hier bietet sich neben ausgedehnten Spaziergängen und Aktivitäten mit seinen Menschen natürlich das Bewachen des eigenen Grundstücks an. Wird der Herdenschutzhund unterfordert und damit unausgeglichen, darf man sich über Verhaltensauffälligkeiten (wie bei jeder anderen Rasse auch) nicht wundern.

Durch die hohe Selbständigkeit dieses Hundetyps ist von der klassischen Hundeausbildung, wie sie auf vielen Hundeplätzen leider noch immer praktiziert wird, absolut abzuraten. Vor allem ist von einer Ausbildung als Schutzhund Abstand zu nehmen. Herdenschutzhunde haben von Natur aus einen hohen Schutztrieb, der durch eine Schutzhundausbildung nicht noch verstärkt und somit unkontrollierbar gemacht werden sollte.

Auch wenn es sehr wohl einzelne Individuen der jeweiligen HSH-Rassen gibt, die in einer bestimmten Entwicklungsphase durchaus in der Lage sind, erfolgreich z.B. die Begleithundprüfung zu absolvieren - wem der Sinn nach einem "perfekt funktionierenden" Vierbeiner steht, sollte von der Anschaffung eines Herdenschutzhundes Abstand nehmen.

Man sollte immer im Hinterkopf behalten, dass Herdenschutzhunde seit jeher selbständig arbeitende Hunde mit einem ausgeprägten Bedürfnis sind, ihre Unabhängigkeit auszuleben. Sie wurden nicht dafür gezüchtet, als reine Befehlsempfänger dem Menschen aufs Wort zu gehorchen, so dass bedingungsloser Gehorsam wie bei einem ausgebildeten Deutschen Schäferhund einfach undenkbar ist.

Dennoch: eine Gehorsamsausbildung ist notwendig und unbedingt ratsam. Die Erziehung ist zwar nicht einfach und man benötigt mehr Konsequenz und Einfühlungsvermögen als für die meisten anderen Rassen, trotz allem lässt sich auch einem HSH sehr wohl alltagstauglicher Gehorsam beibringen.


Foto © by Hieke Dijkstra, Holland

Fühlt sich der neue Besitzer selbst nicht in der Lage, seinem Hund ohne fachliche Anleitung entsprechende Erziehung beizubringen, so ist der Besuch einer guten Hundeschule zusätzlich zum Training im häuslichen Bereich empfehlenswert. Der Hundetrainer sollte sich mit den Eigenheiten der Herdenschutzhunde auskennen bzw. vertraut machen. So sind z.B. eintönige und stur wiederholte Übungen seiner Ausbildung nicht sonderlich förderlich und bringen höchstens den bekannten Dickschädel zum Vorschein. Hier sind Besitzer und Hundetrainer gefragt, fantasie- und abwechslungsreich in kurzen Trainingsintervallen den Hund jedes Mal neu zu motivieren und für die Zusammenarbeit zu begeistern.

Es versteht sich von selbst, dass die Hundeerziehung mit körperlichen Sanktionen, Stachelhalsband, Stromschlägen und ähnlichen angeblich so hilfreichen Accessoires noch nicht einmal in Erwägung gezogen werden sollte. Wer einem HSH gegenüber Gewalt anwendet und sein Vertrauen missbraucht, wird sich einen Hund heranziehen, der sich zunehmend in sich zurückzieht, kein verlässlicher Partner in der Familie mehr ist und verstärkt misstrauisch reagiert. Hier gilt als oberstes Gebot die Abkehr von leider immer noch allzu häufig praktizierten vorsintflutlichen Unterordnungsmaßnahmen und statt dessen die Anwendung von Erziehungsmethoden, die sich am neuesten Stand der Verhaltensforschung orientieren. Hier gelten die Grundsätze Agieren statt Reagieren, Körpersprache und Mimik als gezielt eingesetzte Kommunikationsmittel und vor allem Geduld und Konsequenz, um dem Hund durch innere Autorität seinen Platz in der Rangordnung eindeutig zuzuweisen. Hierbei braucht man aufgrund der Selbständigkeit und der geringen Unterordnungsbereitschaft eines HSH oft einen langen Atem und Durchhaltevermögen - aber es lohnt sich!

Um mit einem Herdenschutzhund harmonisch und ausgeglichen zusammenzuleben und ihm durch ein eindeutig definiertes Ranggefüge soziale Sicherheit zu geben, ist eine souveräne, richtunggebenden Bezugsperson extrem wichtig. Wird dies dauerhaft gelebt und praktiziert, kann ein Rebellieren und Infragestellen der Rangordnung unterbunden werden. So können Grenzen klar gesetzt und der Gehorsam gefördert werden - jedoch sollte genügend Freiraum für eigenständige Handlungen eingeräumt werden.